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Privates Liebfrauengymnasium Büren

„Und dann kamen die Panzer“ - Schüler führen Zeitzeugengespräch

07.07.2018

Im zweiten Halbjahr des Schuljahres 2017/2018 führte der Geschichts-Zusatzkurs in der Q2 des Liebfrauengymnasiums Büren ein zweites Mal zusammen mit dem Bildungspartner Erinnerungs- und Gedenkstätte im Kreismuseum Wewelsburg ein Geschichtsprojekt durch. Thema waren „Weltbild, Propaganda und Rollenerwartungen im Nationalsozialismus“.

Die Unterrichtsreihe, die Frau Monne Lentz als pädagogische Betreuerin seitens der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg unseres Projektes leitete, begann  im Januar und endete im März 2018 und wurde zumeist in Doppelstunden durchgeführt. Es wurden u.a. Themen wie das Weltbild, die Propaganda des Nationalsozialismus , die Erfassung von Jungen und Mädchen in nationalsozialistischen Organisationen wie der HJ oder des Bundes deutscher Mädel.

Im Unterricht und auch in der Gedenkstätte wurde mit originalen Textquellen und Bildern in Gruppen gearbeitet, dazu besuchten die Schülerinnen und Schüler auch die Ausstellung im ehemaligen Wachhaus mit den Exponaten. Den Höhepunkt der gesamten Unterrichtsreihe, die z.T. in der Schule, aber auch mehrmals im Kreismuseum Wewelsburg und der Erinnerungs- und Gedenkstätte stattgefunden hat, war das intensiv vorbereitete Interview mit einem Zeitzeugen, der als Kind die Zeit des Nationalsozialismus im Ort Wewelsburg erlebt hat.

Dieses Zeitzeugen-Interview wurde am 10.02 in der Wewelsburg geführt. Für die jugendlichen Schülerinnen und Schüler des Liebfrauengymnasiums  standen vor allem das Verhalten der SS gegenüber den Wewelsburgern, die Auswirkungen des Krieges und die Bedeutung von Kindern und Jugendlichen für die Nazis im Fokus. Der Zeitzeuge Herr Stelte berichtete somit auch über persönliche Beziehungen zu den Menschen in dem Dorf und wie er als Kind die Zeit wahrgenommen hat, da er mit seiner Familie auf einem Bauernhof direkt gegenüber der Burg gewohnt hat. Dadurch hatte er z. B. die Möglichkeit, den Gefangenen bei der Zwangsarbeit, dem Pflastern der Straße zur Burg, zuzuschauen.

Seine Familie, so wie ein Großteil der Menschen, die damals in Wewelsburg wohnten, war nicht in die Taten der SS involviert und diesen gegenüber abgeneigt. Als die Schülerinnen und Schüler den Zeitzeugen nach dem Dorfleben zur damaligen Zeit fragten, betonte er immer wieder das Handeln vom damaligen Pastor Tusch. Dieser sei als damaliger Dompfarrer vom Bischof mit den Worten „Sie wissen, was Sie in Wewelsburg zu tun haben“  in das Dorf geschickt, wo er sich für einen Erhalt der Gottesdienste einsetzte, auch wenn die Kirche verkauft wurde. Auch sorgte er für Ruhe, als die SS nach den Großangriffen der Alliierten nur noch mit Gasmasken antrat.  Zudem berichtete der Zeitzeuge von älteren Kindern in Wewelsburg, so stahl ein Junge eine Pistole, als Himmler zu Besuch war, um damit Schießübungen zu machen. Das ganze Dorf war aufgrund dieses „Attentat-Versuches“ in Aufruhr und wurde durchsucht. Die Mutter eines anderen Bekannten arbeitete damals in der Burg und bekam jedes Mal 20 Mark zusätzlich, wenn sie Himmlers Schuhe putzte. Besonders das Ende des Krieges hat Herr Stelte noch gut in Erinnerung. Bevor die Erwachsenen es ihnen verbaten, sangen sie beim Spielen „Wenn die Uhre achte schlägt, kommt der Tommy angefegt…“, was davon zeugt, dass sogar den Kindern der baldige Sieg der Alliierten auf eine gewisse Art bewusst war. Angekündigt hat sich das Kriegsende auch durch dauernden Fliegeralarm, so mussten die Kinder teilweise drei Mal zur Schule laufen, da sie immer wieder wegen Bombenwarnungen zurück nach Hause in die Keller geschickt wurden. Als sich das Ende des 2. Weltkrieges andeutet, kam es laut dem Wewelsburger Zeitzeugen zu einem Umschwung, die SS-Leute der Burg flohen vor den heranrückenden amerikanischen Truppen, deren Panzer durch das Almetal und von Paderborn her kamen. Die SS-Führung hatte den verbleibenden Truppen den Auftrag gegeben, die Burg vor der Flucht zu sprengen, jedoch war die Sprengladung nicht ausreichend dimensioniert, berichtete Herr Stelte. Dadurch blieben große Teile erhalten. Diese wurden von den Bewohnern Wewelsburgs ausgeräumt und von den Kindern als Spielplatz genutzt. Insgesamt schaut der Zeitzeuge trotzdem sehr positiv auf seine Kindheit zurück, da diese nicht all zu sehr geprägt von den Taten der SS war und er keinen Bezug zur NS-Ideologie hatte.

Für die Schüler war diese Zeitzeugenbefragung etwas Besonderes, hatten doch die meisten von ihnen noch nie mit einem Menschen gesprochen, der große Teile der NS-Zeit in der Region Büren miterlebt hatte.

Den inhaltlichen Abschluss und Bezug zur Gegenwart stellte der Besuch der Ausstellung „Drei Steine“ des Grafikkünstlers Nils Oskamp dar. Diese Graphic Novel beschäftigt sich mit dem Rechtsextremis und den Nazis in den 1980er Jahren in Deutschland und fordert dazu auf, rechte Gewalt nicht zu verharmlosen und nicht zu tolerieren.

Abschließend kann seitens der Schülerinnen und Schüler, des Lehrers und der pädagogischen Leiterin aus der Erinnerungs- und Gedenkstätte gesagt werden, dass auch dieses zum zweiten Mal am Liebfrauengymnasium durchgeführte Geschichtsprojekt eine sehr gute Erfahrung für alle war und alle als 3. Generation der Deutschen nach dem Nationalsozialismus die Auseinandersetzung mit diesem und seiner Propaganda sowie deren Konsequenzen sehr wichtig fanden. Für das Liebfrauengymnasium, eine Schule ohne Rassismus- eine Schule mit Courage, ist es ganz wichtig für Offenheit, Toleranz, gegen Rassismus und für Demokratie nicht nur zu werben, sondern dazu auch einen konkreten Beitrag zu leisten, wie mit diesem Geschichts-Projekt.

Ein besonderer Dank geht an Frau Lentz für die gute Vorbereitung und das Engagement, das Projekt mit Motivation und Erfolg realisiert zu haben. Ein Dank geht an den Geschichtslehrer  Herrn Kemper für die Initiierung und Durchführung des Projektes.

 

Der Zusatzkurs Geschichte in der Q2